Im Winkel – Ein Tag der Tage, die jetzt rasch kommen.

Seit fast einem Jahr nun sehe ich ihn, über die Straße hinweg, in seinem Fenster sitzen, von meinem Fenster aus, zu dem ich seitlich sitze, wenn ich schreibe oder meine Zeit vertue. Ich meine sagen zu können, dass er ein hübscher junger Kerl ist. Ich habe ihn freilich nie wirklich angesehen, immer nur im Winkel meines einen Auges, wenn er an seinem Schreibtisch saß, wenn er durch das Hoftor schlüpfte, das neben seinem Fenster liegt und einmal, als wir uns im Regen auf der Straße begegneten. Ich hastete rasch nach drinnen, um einen Packen Bücher vor der Nässe in Sicherheit zu bringen und er suchte in seinen Taschen nach dem Schlüssel; – ich glaube, er stand noch eine ganze Weile draußen, bis ihm ein Nachbar öffnete und ihn zu sich herein ließ.

Sein Schreibtisch steht direkt vor dem Fenster und sein Bildschirm seitlich zu ihm. Wenn er also gerade am Tisch sitzt und aufschaut, so sieht er mein Fenster und mich von der Seite, mit beiden Augen. Er scheint meist einen müden, überhetzten Eindruck zu machen. Ich jedoch finde, er sieht immer sehr ordentlich aus; das Haar nie in Unordnung und stets gut gekleidet, selbst wenn er nur zum Supermarkt um die Ecke geht. Er hat selten Besuch. Am Anfang, als er gerade eingezogen war, ist einmal ein Mädchen bei ihm gewesen und im Morgengrauen mit traurigen Augen weggegangen. Ein anderes Mal kam seine Mutter und wieder ein anderes Mal ein schneidiger Herr Mitte vierzig, der keine Stunde lang blieb, ich denke mir, dass es der Vater gewesen ist. 

Mindestens zweimal in der Woche geht er nachts fort und kommt bis zum Morgen nicht wieder; – vielleicht hat er Freunde oder Bekannte, die mit ihm trinken. Sicher bin ich mir jedoch nicht, denn er kommt immer alleine nach Haus. Er geht dann sehr langsam und manchmal setzt er sich auf den Bordstein und raucht eine Zigarette, bevor er das Tor aufschließt. Tagsüber ist er in seinem Zimmer, sitzt am Schreibtisch und starrt aus dem Fenster. Hin und wieder schaut er für einige Minuten nach unten, ich glaube dann liest er. Ähnlich oft schaut er zur Seite und tippt ein wenig auf seiner Tastatur herum. Manchmal lässt er für ein Stündchen den Rollladen herunter, wenn er ihn dann wieder hochmacht, hat er meist seinen Kopf in den Händen und die Finger ins Haar verkrallt. Sein Raum schaut nach Westen. Am Morgen, da seh‘ ich ihn schlecht, aber am Abend ist sein Gesicht dann ganz hell.

Vor etwa zwei Wochen – ich las gerade, und fragte mich, was ich tun werde, in den Tagen, die jetzt rasch kommen – war die Polizei in seiner Wohnung, dann kam seine Mutter und räumte alleine die Möbel heraus. Jetzt wohnt mir gegenüber ein junges Mädchen, neunzehn vielleicht, höchstens einundzwanzig, sie sitzt seitlich zum Fenster und hat schon zwei Partys gefeiert, seit sie eingezogen ist. Sie ist sportlich und hat einen wuschigen Lockenschopf. Ich fühle mich seltsam beobachtet, seit sie mir gegenüber wohnt, daher halte ich meinen Laden jetzt immer zu drei Vierteln geschlossen und habe die Lampe auch tagsüber an.

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9 Kommentare zu “Im Winkel – Ein Tag der Tage, die jetzt rasch kommen.

  1. Ein Artikel, der nachklingt. Ähnliche Beobachtungen von Menschen hinter einem Fenster habe ich auch schon gemacht, allerdings nicht mit einem solchen Ausgang. Ein Tag der „Tage, die jetzt rasch kommen“ – der Titel hat mich gefangen, sicher denke ich noch länger darüber nach.

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  2. Ein sehr guter Text, immer wieder neu zu lesen, nicht zu greifen, doch nagt er an mir als Leserin. Er fällt, er blinzelt ein scheinbares Verstehen, um dann doch drunterdurchzutauchen, voll von Einsamkeit und doch pragmatisch. Für mich ein literarisches Kleinod.

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  3. Texte, die nicht fertig zu sein scheinen, die das Nachdenken doch oder erst recht bei mir lostreten, bis ich mich erschrecke: Das wirklich bestürzende ist das Fertige im Text, das Endgültige, das Ende. Solche Texte also: Sie verweigern mir Lösungen, weil sie nicht lügen wollen. Sie rapportieren aber, dass andere genau so nachdenken über jene, die einem begegnen – oder es würden, stünde nicht das dazwischen, was Fenstergläser und anderes mindestens sind: Distanzhalter.

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