Mit Lenz im Gebirg.

Den 20. ging Lenz durch’s Gebirg.

Den »Lenz« liebe ich, ich lese ihn immer wieder. Manchmal lese ich die Geschichte in Gedanken, wenn ich nicht einschlafen kann. Oder lese in Jakobs Briefen und freue mich, wie einen Freund in ihm gefunden zu haben. Schon der erste Satz im »Lenz« beginnt mit einer Inversion irgendwie verschoben. Er geht auf die Lücke, auf den Januar, der gerade nicht ausgesprochen wird. – Am 20. Januar 1778 kam Jakob Lenz ins Steintal gewandert, durch die einsame Kälte, mit einer Wunde am Fuß. Es war im Januar, am Übergang des alten Jahres in ein neues.Janus-Vatican

Mit dem Januar ist es seltsam, er ist benannt nach dem römischen Gott Janus mit dem doppelten Gesicht, nach vorne in die Zukunft gerichtet, in das Unbestimmte, und zugleich zurückblickend auf die Vergangenheit, auf das Abgeschlossene, Bestimmte. Man findet ihn oft an Stadttoren (nicht zu vergleichen mit dem nacktarschigen Heidelberger Brückenaffen). Aber man kann sich gar nicht vorstellen, wie Janus laufen könnte: Mit zwei Köpfen ist man eigentlich ziemlich kopflos, man will in beide Richtungen zugleich und dann kommt man nirgends hin. Ich kenn das gut. Diese steinerne Gespaltensein. Ab und an bin ich mit Lenz unterwegs und wir unterhalten uns darüber.

Jeder sollte mal ins Steintal, auch unmetaphorisch gesprochen. Es ist nur ein paar Tage her, da war ich zum zweiten Mal bei Lenz im Steintal.  Das erste Mal aber war ich vor etwa zwei Jahren dort. – »Ha, Ha, ist er nicht gedruckt?«, fragte Pfarrer Oberlin den abgerissenen Jakob, der Mann, von dem sich Jakob vielleicht viel erwartete und der doch seinen Untergang nur beschleunigen sollte.

Als ich ankam, fragte mich niemand irgendetwas. Es war mein siebenundzwanzigster Geburtstag, ich hatte das Handy daheim gelassen und mich in den Zug gesetzt, ohne jemandem Bescheid zu sagen. Ich wollte bloß fort von allem, alleine sein. Da stand ich also, froh dem eiskalten Roßschinder zu entkommen, im Waldersbacher Pfarrhaus und stieg mit Lenz die Treppen hoch. Meine nassen Schuhe hinterließen Abdrücke auf dem Holz.

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Diese ungeheure Spannung zwischen Bestimmten und dem ungeheuer Unbestimmten: dem komischen »ging«, dem fehlenden Monat und dem »Gebirg« – wo fängt ein Gebirge an, wo hört es auf?  Überall fehlt dem unheimlich verlorenen Lenz die Vermittlung, er hängt im Leeren: »Es lag ihm nicht’s am Weg.« – Auf die Frage Oberlins, ob er nicht von Lenz schon Dramen gelesen habe, antwortete Jakob: »Ja; aber belieben Sie mich nicht darnach zu beurtheilen.«

Wohin man geht, der Name eilt einem voraus und die Leute wissen schon Bescheid über einen. Hier im Steintal aber fragte niemand nach meinem Namen. Als ich das Pfarrhaus verlassen hatte, begegnete ich in der Schneewüste stundenlang nicht einer Menschenseele. Wenn ich könnte, ich würde meinen Namen alle paar Jahre ablegen, ihn abstreifen wie Schlangen es ab und an mit ihrer Haut tun, um zu wachsen.

Die Gipfel und hohen Bergflächen im Schnee, die Täler hinunter graues Gestein, grüne Flächen, Felsen und Tannen. Es war naßkalt, das Wasser rieselte die Felsen hinunter und sprang über den Weg. Die Äste der Tannen hingen schwer herab in die feuchte Luft. Am Himmel zogen graue Wolken, aber Alles so dicht, und dann dampfte der Nebel herauf und strich schwer und feucht durch das Gesträuch, so träg, so plump. Er ging gleichgültig weiter, es lag ihm nicht’s am Weg, bald auf- bald abwärts

Die Wolken »ziehen am Himmel«, wollen den Himmel zum Einsturz bringen, ihn auf die Erde holen. Es ist wie beim Kampf der Titanen gegen die Götter. – Dieses Mal, es war eine schier unerträgliche Hitze, ging ich einen anderen Weg, ich wanderte über Waldersbach den Hochzeitspfad zwischen den Linden in die Hochebene hinauf, setzte mich ins Heidekraut und ins Geröll und sah den Eidechsen zu, die bewegungslos verharrten. Rehe brachen im Wald durchs Gebüsch, überall von Wildschweinen aufgewühlte Erde und Steine, und dazwischen das stumpfe Licht der Sonne.

Diese unheimliche Stille der Vogesen. Eine ungeheure Abgeschiedenheit seit jeher. Hier lebten die Steintäler schon immer irgendwie neben der Zeit, nicht weit von Straßburg und doch scheinbar unendlich von dem Lauten und Schnellen des Münsterplatzes entfernt. Ich saß da und dachte an Lenz, wie er im eiskalten Wasser des Troges »plattscherte wie eine Ente«.

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Müdigkeit spürte er keine, nur war es ihm manchmal unangenehm, daß er nicht auf dem Kopf gehn konnte. Anfangs drängte es ihm in der Brust, wenn das Gestein so wegsprang, der graue Wald sich unter ihm schüttelte, und der Nebel die Formen bald verschlang, bald die gewaltigen Glieder halb enthüllte; es drängte in ihm, er suchte nach etwas, wie nach verlornen Träumen, aber er fand nichts. Es war ihm alles so klein, so nahe, so naß, er hätte die Erde hinter den Ofen setzen mögen, er begriff nicht, daß er so viel Zeit brauchte, um einen Abhang hinunter zu klimmen, einen fernen Punkt zu erreichen; er meinte, er müsse Alles mit ein Paar Schritten ausmessen können.

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»Aber alles so dicht.« Auch dieses Mal war mir alles so eng gewesen in Heidelberg:  mein winziges Zimmer, die ewige Geschichte mit M., das Arbeiten in der überhitzten Küche, das sogenannte Studium, die vielen Studenten. Ich musste weg. Also setzte ich mich wieder  in den Zug und fuhr stundenlang mit Regionalbahnen ins Elsass, überquerte bei Kehl den Rhein.DSC07904

In Straßburg angekommen, stieg ich zur Münsterplattform hinauf. Hier hat Goethe oft auf Lenz gewartet. Goethe wollte hier oben seine Höhenangst besiegen (wär er lieber mal gesprungen, wäre für Jakob besser  gewesen). Ihre Namen finden sich noch immer in den Sandstein eingeritzt. An der Ill holen sie abends kleine Salme aus dem Wasser und braten sie am Ufer. Damals gab es hier Lachse im Überfluss für jedermann. Sie trinken Wein und tanzen »Am Wasserzoll«. Das waren seine glücklichsten Jahre.

Am 25. Januar 1778 hält Jakob  in Waldersbach eine »schöne Predigt, nur mit etwas zu vieler Erschrockenheit«. Am Tag drauf, so Büchners »Lenz«, kam er in »ängstliche Träume« und fing an die Apokalypse zu lesen.

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Wie ich gestern neben am Tal hinaufging, sah ich auf einem Steine zwei Mädchen sitzen, die eine band ihre Haare auf, die andre half ihr; und das goldne Haar hing herab, und ein ernstes bleiches Gesicht, und doch so jung, und die schwarze Tracht und die andre so sorgsam bemüht. Die schönsten, innigsten Bilder der altdeutschen Schule geben kaum eine Ahnung davon. Man möchte manchmal ein Medusenhaupt sein, um so eine Gruppe in Stein verwandeln zu können, und den Leuten zurufen.

Irgendeine gewaltige Schuld treibt Jakob um. Der Engel Friederike, der ferne Vater. Er fühlt sich als Mörder, fühlt sich für alles Leid der Welt verantwortlich. Oberlin treibt ihn immer tiefer hinein. – Als ich dagegen ins Tal hinabsah und die Menschen unten betrachtete, dachte ich wieder an Jakobs Medusa. Nicht nur auf dem Kopf gehen, ihn auch verlieren, ihn abgeschlagen bekommen, um nicht mehr versteinern zu müssen.

Die Medusa kann mit niemandem von Angesicht zu Angesicht sprechen, sie versteinert ihr Gegenüber, niemals bekommt die Medusa Antwort. Etwas ist an ihr, sie ist so ungeheuerlich, dass niemand ihr ins Gesicht zu blicken vermag. Manchmal denke ich, mir geht es ähnlich, in meinem Blick versteinern die anderen, auch ich bin irgendwie ein Ungeheuer. Mir tat es jedenfalls gut, im Steintal so ganz ohne Menschen zu sein. Und Heidelberg war wunderbar fern.

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Ich erfrischte mich in den Wassertrögen am Eingang von Bellefosse. Gerade wollte ich meine Herberge suchen, da musste ich einen längeren Umweg machen, weil ein paar Häuser weiter ein Hund in der Einfahrt stand und kläffte. Also machte ich einen Umweg, um von der anderen Seite des Dorfes zu meiner Herberge zu kommen. Die Wirtin war unfreundlich und misstrauisch. Ich war der einzige Gast. Einfach den Zimmerschlüssel auf den Tresen legen und gehen. Sie schien weniger besorgt zu sein wegen mir, mehr verägert, dass sie überhaupt jemand belästigte:

Man muß die Menschheit lieben, um in das eigentümliche Wesen jedes einzudringen, es darf einem keiner zu gering, keiner zu häßlich sein, erst dann kann man sie verstehen.

Im Zug zurück, es hatte endlos zu regnen begonnen, ging mir das Ende der Erzählung (M. wird wieder sagen, das Melancholische steht mir nicht) unaufhörlich im Kopf herum. Es ist, als sprächen Lenz und ich mit einer Stimme:

Er schien ganz vernünftig, sprach mit den Leuten; er tat Alles wie es die Andern taten, es war aber eine entsetzliche Leere in ihm, er fühlte keine Angst mehr, kein Verlangen; sein Dasein war ihm eine notwendige Last. – So lebte er hin.

Lenlei

 

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2 Kommentare zu “Mit Lenz im Gebirg.

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