In einer Nussschale.

Ich habe heute ein wenig Erbrochenes in der Hand gehalten. Es kam mir mit einem heftigen Husten die Kehle hinauf. Walnüsse hatte ich gegessen, weil ich morgens nach einer weiteren unruhigen Nacht, mit Kopfschmerzen, als ob mir jemand von innen das Hirn aus dem Schädel geschabt hätte, nach einem elendig verlaufenen Vollrausch, nichts andres mehr hatte als Nüsse. Mein Magen ist, wie ich glaube, nicht mehr im besten Zustand. In dem Brei, der von weißen und grünlichen Schleimspuren durchzogen war, fand ich, als ich meinen, so plötzlich empfangenen, Handinhalt untersuchte, halb im Zerkauten, Halbverdauten versunken, eine ganze, bestens erhaltene Walnusshälfte!

Ich bemerkte, dass sie sehr viele Wülste und Windungen hatte, viel mehr als Walnusshälften sie für gewöhnlich haben. Frei vom Gefängnis der Schale, schien sie sich nun aus dem Sumpf erheben zu wollen. Ich nahm sie behutsam zwischen Daumen und Zeigefinger der freien Hand, um sie einer genaueren Prüfung zu unterziehen. Sie war noch verschmiert von den Magensäften und so stand ich auf und spülte sie, ebenso wie die Hand, deren Inhalt ich in den Abfluss schüttelte, unter kaltem Wasser ab. Anschließend trocknete ich mein hohes Gut – denn dass es sich bei dieser Nuss, die den Zähnen entkommen war und den Magen bemeistert hatte, um etwas Besonders handelte, schien mir sicher – vorsichtig mit einem kleinen Bausch Watte ab und legte sie in den Lichtstreif, den die Sonne auf meinen Schreibtisch warf. 

Die Nuss war von dunklen, braunen Äderchen durchlaufen, die sich scharf von der, wohl durch die Magensäure entfärbten, gräulichen Haut abhoben. Ihre Windungen waren ineinander geschlungen wie Seile und wenn man sie drehte und wand, schien man sogar einzelne Stränge auf ihrem Weg durch das Knäuel verfolgen zu können. Ich lachte und freute mich, unverhofft einen solchen Fund an diesem frühen Morgen gemacht zu haben und begann abzuwägen, was wohl mit dieser seltsamen Nuss anzufangen sei. 

Zuerst dachte ich, dass es die beste Entscheidung sei, sie zu essen, denn etwas, das solch einen vorzügli­chen Wuchs bewiesen hatte, konnte nur gesund für mich sein. Ich plante bereits, welche Zutaten ich kaufen würde, um sie mit einem prächtigen, Ihrer Majestät entsprechenden Gericht zu umgeben, in der sie die Krönung des Festmahles sein würde, als mir der Gedanke kam, dass der größte Vorteil, der mir von ihr erwachsen könnte, ein Baum sei und ich beschloss sie in ein Töpfchen voll Erde zu geben und zu sehen, ob mir nicht bald der herrlichste, seltenste Nussbaum daraus gedeihen sollte.

Doch als ich schon aufgestanden war, um das Benötigte zu holen, fiel es mir auf: Keine der beiden bisherigen Ideen war die richtige! Sie zu essen war gänzlich verfehlt, hatte sie doch gezeigt, dass sie sich zum Verdautwerden nicht eignete und damit schied auch die zweite aus, denn wenn sie sich nicht zersetzen wollte, konnte aus ihr auch kein Bäumchen wachsen. Somit blieb nur eines und das war das Beste und mit Abstand Erbau­lichste, für das ich mich nur hatte entscheiden können und es schien mir ganz so, als hätte die Nuss es mir selbst, durch die Art wie sie vor mir im Licht lag, eingegeben.

Ich suchte die schönste Nussschalenhälfte, die ich nur finden konnte, füllte ihren Hohlraum mit Watte aus und setzte darauf den glücklichen Fund. Die Schale, aus der die Nuss nun, wie zum Zeichen ihres Triumphes, emporstieg, klebte ich auf ein zierliches Säulchen, das meine Schwester mir einmal aus Griechenland mitgebracht und das bisher im Regal meine Bücher gestützt hatte. Ich stellte die Konstruktion auf das Brett über dem Kopf meines Bettes und schaute sie, andächtig fast, von unten her an. Ich fühle schon jetzt, dass sie mir noch eine mächtige Quelle der Inspiration sein wird, meine wunderbare, befremdliche Nuss.

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6 Kommentare zu “In einer Nussschale.

  1. Pingback: »In einer Nußschale« zum Anhören. | Paul Fehm

  2. Pingback: Hörbuch: Paul Fehm – In einer Nussschale | Tobias Betzin | @Herr_Samsa

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