Im Garn.

»Im Quell deiner Augen / erwürgt ein Gehenkter den Strang« – Wie ist das? Tot ist er doch immer noch! Und wie verblichen bin ich, seit ich hier bin, allein auf dem wackligen Stuhl. Ich habe versucht, es mir aus den Händen zu lesen, warum ich dich nicht begreifen, nicht halten kann. Aus den Verwehungen im Delta der Herzlinie, aus meinem kaum sichtbaren Venusgürtel, aus meiner schwach nur gerissenen Lebenslinie. Ich fand keine Antwort. Vielleicht gehört Glaube dazu, um aus der Hand eine Antwort zu lesen, vielleicht auch Vertrauen, und vielleicht liest es sich schlecht, aus einer Hand, die bisher nur den Stift hielt und zu viel mehr auch kaum zu gebrauchen ist.

Ich erinnere mich noch, an das eine Mal, als du meine Hand hieltst und lächeltest, wir waren im Wald, es war Abend. Da dachte ich, ich verstehe dich. Du drücktest meine Rechte und gingst mir tief in die Augen hinein, weil du mich schon immer verstanden hast und ich seltsam offen und frei war; an diesem Abend. Danach hast du sie oft leicht, nebenher, meist beim Gehen umfasst, mir manchmal den Schwung deines Armes geliehen, an meiner Seite gelacht wie ein Kind, wegen Kleinigkeiten. Aber die letzten Male hast du sie immer nur kurz zusammen gepresst, mit diesem bitteren Zug um den Mund und einem Blick, wie man ihn zu Begräbnissen trägt, wenn man Beileid sagt.

Ich habe verstanden, dass man eine Hand nur so oft fassen und die wahren Worte, die Ausweg versprechen nur so oft sagen kann, bis man aufgibt und sich langsam zurückzieht, um wenigstens selbst noch das rettende Ufer zu finden, nicht zu ertrinken. Ich verstehe es. Aber dass du gegangen bist, schnürt mir die Luft ab, zieht mir den Hals zu. Mir hängt die Zunge schon blau aus dem Mund und mein eigener Blick, aus den Höhlen, lässt mich erstarren, wenn ich nachts, schlaflos, das blasse Gesicht unter wahnsinnigen Haaren betrachte, das am Anfang so glücklich aussah, weil sein Mund dich noch schmeckte.

Ich erknne den Fehler. Ich begreife ihn nicht. Ich habe mich selbst nicht mehr in der Hand und ich glaube, ich weiß, was du gemeint hast, wenn du sagtest, ich hielte die deine nicht richtig.

Jetzt sind es fünf Tage und ich sehe ihn stets, deinen Blick, deine Augen und immer wieder erstickt es mich fast. Ich versuche ihn zu vergessen und den zarten goldenen Ring, der sich um deine Pupille legt und ich fühle, ich bin schon gefangen, gerichtet, gehenkt.

Täglich erwürg‘ ich den Strang, mit der Hand eines Toten, doch hilft es mir nichts, ich bin in der Irrsee verloren.

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4 Kommentare zu “Im Garn.

  1. …Ich fand keine Antwort. Vielleicht gehört Glaube dazu, um aus der Hand eine Antwort zu lesen, vielleicht auch Vertrauen, und vielleicht liest es sich schlecht, aus einer Hand, die bisher nur den Stift hielt und zu viel mehr auch kaum zu gebrauchen ist…

    geöffnete Hand

    In meiner Hand ein Edelstein.
    Ich lege mich dort selbst hinein.

    bmh – 6/2013

  2. Pingback: »Im Garn« zum Anhören. | Paul Fehm

  3. Pingback: Hörbuch: Paul Fehm – Im Garn | Tobias Betzin | @Herr_Samsa

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