Pappel.

»Und wer sah Pappelwälder?« – Tatsächlich, wer sah je welche? Ich sah sie nur in Reihen gesetzt, am Flussufer, wie Nadeln in den Himmel, über einem unglaublich flachen, kultivierten Land. Und alle waren sie innen krank. Manchmal, wenn ein Sturm vorüber war, sah man sie liegen, die Stämme dicht über dem Boden gebrochen, innen schwarzbraun, nass und hohl. Die Verwaltung ließ dann oft noch zusätzlich einige fällen, vorsorglich, nicht dass eine auf einen oder etwas fiele.

Und jeden Frühling schneiten sie, in dicken weißen Flocken wie Winterzauber und machten die Seen krank. Manche Seen mussten künstlich belüftet werden und alle, die sie voll vom weißen Pappel-Schnee waren, der niemals schmolz, stanken ganz erbärmlich und schlabberten blasse Fische an ihren Saum.

Ich hatte sie immer gemocht. Nachts wenn sie gerade in die Vollmondnacht stachen, ehern und unwirklich, wie silberne Speere. Und wenn der Wind dann kam und sie nur wenig sich bogen; eine scharfe Form in den grau-weißen Nachthimmel. In solchen Nächten denkst du nicht an deine Geliebte, sie schneiden dir dieses Leid aus dem Herz und all deine Toten lässt ihr Anblick zu Helden werden und dich lassen sie nur innerlich wenig zittern, während du gefasst und gerade stehst.

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3 Kommentare zu “Pappel.

  1. „Du meine Pappel im roten Kopftuch“ warum ich durch diesen Text an die Liebesgeschichte von Tschingis Aitmatow erinnert wurde, weiss ich nicht, vielleicht nur die Pappel allein, vielleicht noch etwas anderes, kann es gar nicht sagen…aber ich habe mich gefreut, über den Text und über die Gedanken, die dadurch gekommen….
    Mit besten Grüßen,
    Marlis Hofmann, Wederwill-Team

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